Frauen in der Selbständigkeit: Chancen & Stundenlohn

Freelancerinnen: Frauen in der Selbstständigkeit

4. März 2026 / 9 Min /

Frauen sind im Freelancing weitaus seltener vertreten als Männer. Wir gehen der Sache nach und werfen einen aktuellen Blick auf Frauen in der Selbstständigkeit, beleuchten Chancen und Hürden im Freelancing und zeigen, warum gerade jetzt Bewegung in das Thema kommt.

Deutschland landet im Global Gender Gap Report 2024 des Weltwirtschaftsforums auf Platz sieben – das ist zwar ein deutlicher Fortschritt gegenüber den letzten Jahren. Doch besonders in der Wirtschaft und in Branchen wie IT & Software hinkt die Gleichstellung weiterhin: Frauen sind dort nach wie vor unterrepräsentiert und verdienen im Schnitt noch immer weniger als ihre männlichen Kollegen.

Die typische Freelancerin

Auch in der Welt der Selbstständigkeit zeigt sich dieses Bild. Frauen sind im Freelancing deutlich seltener vertreten als Männer. Doch wer sind eigentlich die Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen? Schauen wir uns die Details und Daten von freelancermap sowie dem Freelancer-Kompass 2026 genauer an:

Die typische Freelancerin ist im Schnitt 43 Jahre alt, bringt rund neun Jahre Berufserfahrung mit in die Selbstständigkeit und arbeitet etwa 37 Stunden pro Woche. Ihr durchschnittlicher Stundensatz liegt bei rund 100 Euro.

So sieht die durchschnittliche Freelancerin aus
Die typische Freelancerin arbeitet 37 Stunden sie Woche und verdient 100 Euro.

Freelancerinnen im DACH Raum

Immerhin: Fast jeder zweite Freelancer ist weiblich. Unter den Soloselbstständigen liegt der Frauenanteil aktuell bei gut 41 Prozent, bei Unternehmen mit Beschäftigten dagegen nur bei rund 26 Prozent. Über alle Branchen hinweg ergibt sich damit ungefähr ein Verhältnis von einem Drittel Frauen zu zwei Dritteln Männern – allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach Branche.

Gerade in der IT- und Digitalbranche fehlen Frauen. Dabei bietet insbesondere dieser Bereich enorme Chancen für flexible Arbeitsmodelle, attraktive Honorare und ortsunabhängiges Arbeiten – also genau die Faktoren, die viele ins Freelancing ziehen.

Eine, die diesen Schritt gegangen ist, ist Maria Preußmann aus Berlin. Die freiberufliche SEO-Content Managerin und Webdesignerin startete 2018 ins Freelancing. An der Selbständigkeit gefällt ihr das Tempo und die Dichte an Herausforderungen:

„Der Kontakt mit dem Kunden kommt oft schnell zustande, dann wirst du ins Projekt reingeworfen, setzt es um und dann geht du wieder raus. Danach wartet das nächste Projekt – die nächste Herausforderung. Und parallel gibt es immer noch kleine interessante Projekte oder du nutzt die Zeit für persönliche Weiterentwicklung oder Freizeit.“

An der Selbstständigkeit gefällt mir das Tempo und die Dichte an Herausforderungen. Gerade im digitalen Sektor entwickeln sich die Dinge sehr schnell. Niemand in der Branche kann sich Stillstand leisten, man ist immer gefordert, sich weiterzuentwickeln.

Maria Preußmann, freiberufliche SEO-Content Managerin und Webdesignerin aus Berlin

Verhandlungen: Warum Frauen oft vorsichtiger auftreten

Die McKinsey Studie “Women Matter” zeigt, dass Frauen im Berufsleben, ob freiberuflich oder angestellt, oft mit Selbstzweifeln und Versagensangst zu kämpfen haben. Beispielsweise strebt, laut dieser Studie, knapp jede zweite Frau eine Führungsposition an, jedoch glauben nur 25% dieser Frauen, dass sie eine solche Position auch tatsächlich erreichen können.

Dieser Umstand lässt sich auch auf den Gender-Pay-Gap übertragen: Die amerikanische Wissenschaftlerin Linda Babcock schreibt in ihrem Buch “Women don’t ask” beispielsweise, dass Männer viermal häufiger Gehaltsverhandlungen initiieren als Frauen. Die Autorin sagt zudem, dass die meisten Frauen eine solche Verhandlungen mit einem “Besuch beim Zahnarzt” vergleichen würden.

Honorare und Selbstpositionierung bei Freelancerinnen

Im Freelancing, wo Honorare regelmäßig und selbstbewusst verhandelt werden müssen, hat das starke Auswirkungen: Männliche Freelancer lehnen Projekte deutlich häufiger ab, wenn der angebotene Stundensatz zu niedrig ist (72 %).

Freelancerinnen hingegen akzeptieren solche Konditionen öfter oder wägen stärker ab. Sie lehnen Projekte mit zu niedrigem Honorar in etwa genauso häufig ab wie Projekte, die nicht zu ihren fachlichen Kompetenzen passen (64%).

Solche Unterschiede in Wahrnehmung und Selbstpositionierung erleben viele Freelancerinnen auch im Projektalltag. Maika Paetzold, selbstständige Digitalstrategin und UX-Expertin, berichtet, dass Frauen häufig in unterstützende Rollen gedrängt werden, obwohl sie weit mehr leisten könnten:

Ich sehe oft, dass Frauen häufiger für unterstützende Rollen eingeplant werden – selbst bei höherer Qualifikation und besseren Referenzen. Ich sehe aber auch, dass fachliche Klarheit, saubere Argumentation und überzeugende Ergebnisse langfristig stärker wirken.

Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture

Gender Pay Gap im Freelancing: Frauen verdienen oft weniger als Männer

Laut Freelancer-Kompass 2026 verdienen Frauen in der Selbstständigkeit im Schnitt rund vier Euro weniger pro Stunde als ihre männlichen Kollegen. Was zunächst nach einem kleinen Unterschied klingt, macht sich im Monat deutlich bemerkbar: Männliche Freelancer kommen durchschnittlich auf etwa 7.169 Euro, während Freelancerinnen im Schnitt rund 4.116 Euro aus Projektarbeit erzielen.

Der Gender Pay Gap im D-A-C-H Raum beläuft sich auf 4€. 2022 lag der Wert noch bei 10. Somit hat sich die Lücke innerhalb von 4 Jahren immerhin um 6 Euro geschlossen.

Dieser Gap spiegelt sich stark in der Zufriedenheit der Freelancerinnen wider. Während knapp 58% der männlichen Freelancer finden, dass sie ausreichend entlohnt werden, geben nur 42% der Frauen an, mit ihrem Verdienst wirklich zufrieden zu sein.

Der Stundenlohn von weiblichen und männlichen Freelancern im Vergleich
Freelancerinnen werden häufig schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Die Top-Fachgebiete unter Freelancerinnen

Freelancerinnen sind besonders häufig in Beratung und Management (24 %) tätig, gefolgt von Marketing und Kommunikation (20 %) sowie der Design-, Medien- und Kreativbranche (13 %).

Gerade diese Bereiche zeichnen sich häufig durch flexible Projektstrukturen und große kreative Gestaltungsspielräume aus.

Das sind die Top Fachgebiete der Freelancerinnen
Vor allem in beratenden und kreativen Berufen sind Frauen noch häufiger anzutreffen

Diese Vorteile sehen Frauen im Freelancing

Im Freelancing rücken eigene Entscheidungen in den Vordergrund – der Wunsch, sich selbstständig zu machen, ist oft tief verwurzelt in dem Bedürfnis nach Unabhängigkeit.

Der Freelancer-Kompass 2026 zeigt: 58% der befragten Frauen sehen den größten Vorteil der Selbstständigkeit in der freien Zeiteinteilung. Daneben empfinden Freelancerinnen ortsunabhängiges Arbeiten (57%) und die Entscheidungsfreiheit (48%) als zusätzliche Vorteile, die in die Selbstständigkeit locken.

Zudem gewinnen Soft-Skills an Bedeutung – allen voran die Kommunikationsfähigkeit. Eine Studie der Cambridge Universität belegt, dass Frauen in der Regel empathischer agieren und ihnen damit auch die zwischenmenschliche Interaktion und das Teamwork bei beruflichen Projekten leichter fällt.

Die größten Herausforderungen für Freelancerinnen

So sehr Frauen in der Selbstständigkeit profitieren – sie sehen sich auch mit Herausforderungen konfrontiert, die sie aus ihrem Angestelltenverhältnis häufig nicht kennen.

So nannten 50 % der Befragten aus dem Freelancer-Kompass 2026 unklare Anforderungen und Briefings als die größte Herausforderung in der Projektkommunikation. Dicht gefolgt von verzögerten Rückmeldungen (49 %) und fehlende Entscheidungskompetenz beim Kunden (41 %).

Und die größten Hürden in der Selbstständigkeit an sich? Hier geben die befragten Frauen an, dass die Auftragsakquise zur größten Belastung gehört (60%), gefolgt von einer unsicheren Einkommens- und Auftragslage (49%) und einem schwankenden Einkommen (29%).

Die größten Vorteile und Hürden für Freelancerinnen
Frauen gehen in die Selbstständigkeit, weil sie flexibel und unabhängig sein wollen

Frauen in der IT

Der Frauenanteil in der IT-Branche liegt in Deutschland aktuell bei etwa 30 Prozent – und das, obwohl der Bedarf an Fachkräften enorm ist. Laut Branchenverband Bitkom sind derzeit über 100.000 IT-Stellen unbesetzt. Es fehlt also an qualifizierten Spezialisten – Lücken, die auch hochqualifizierte Frauen schließen könnten.

Das zeigt auch die Praxis. IT-Beraterin und Agile Coach Radosveta Delcheva arbeitet seit 2017 freiberuflich an der Schnittstelle zwischen Prozessberatung und technischer Umsetzung, unter anderem in regulierten Branchen wie Finanzwesen, Infrastruktur und Pharma:

Frauen sind im Freelancing deutlich sichtbarer geworden, insbesondere seit 2022. Es gibt stärkere Netzwerke und mehr Expertinnen, die in technischen Nischen präsent sind. Dennoch liegt der Frauenanteil in IT-Projekten oft noch unter 25 Prozent.

Radosveta Delcheva, freiberufliche IT-Beraterin und Agile Coach

Stereotype in der Tech-Branche

Eine Bitkom-Studie zum Weltfrauentag 2026 zeigt, dass sich stereotype Vorstellungen in der Branche weiterhin hartnäckig halten:

  • 43 Prozent der Unternehmen sind der Meinung, Männer seien grundsätzlich besser für IT- und Digitalberufe geeignet.
  • In keiner einzigen deutschen IT- oder Digitalabteilung arbeiten mehr Frauen als Männer.
  • In 89 Prozent der Unternehmen liegt der Frauenanteil unter 50 Prozent.

Dass Rollenbilder oft unbewusst wirken, zeigt auch eine Erfahrung aus einem Projekt der Digitalstrategin Maika Paetzold:

Bei einem Projekt wurden die Zugangsdaten für die technische Infrastruktur neu verteilt. Mein Zugang ließ auf sich warten. Auf Nachfrage stellte sich heraus: Die IT hatte die Berechtigungen auf einen ‚Maik‘ ausgestellt – nicht auf eine ‚Maika‘.

Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture

Solche Situationen mögen zunächst banal erscheinen. Sie zeigen jedoch, wie stark stereotype Erwartungen in technischen Umfeldern noch immer präsent sind – und wie sie Produktivität und Innovation auf mehreren Ebenen behindern können.

Auch im Projektalltag erlebt Paetzold, dass Frauen in technischen Kontexten häufiger unterschätzt werden:

In technisch dominierten Projektumfeldern wird man als Frau manchmal unterschätzt, denn gerade in der IT sind Frauen – außerhalb von Projektmanagement und Gestaltung – eher selten. Gleichzeitig erlebe ich, dass Diversität in Innovationsprozessen nachweislich bessere Ergebnisse hervorbringt und ein Pluspunkt sein kann.

Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture

Stereotype zu bedienen, heißt, sich selbst im Weg stehen. Unternehmen verpassen die Chance auf echte Innovation und strategisches Vorankommen, wenn sie die Hälfte der Bevölkerung aufgrund veralteter Rollenbilder nicht mitdenken.

Hoffnung durch Nachwuchs und neue Netzwerke

Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen. Das Interesse junger Frauen an MINT-Studiengängen steigt. Laut Spiegel sind inzwischen 36 Prozent der Informatikstudierenden weiblich.

Das lässt hoffen, dass künftig mehr Frauen auch den Weg in technische Freelancer-Projekte finden. Dass Frauen bereits heute in hochkomplexen technischen Bereichen erfolgreich arbeiten, zeigt auch die Erfahrung von Radosveta Delcheva:

Das Vorurteil, dass Frauen primär ‚weiche‘ Themen besetzen und weniger tief in technischer Architektur oder komplexen Governance-Strukturen verwurzelt sind, hält sich hartnäckig. Mein Werdegang als ITIL 4 Master und PRINCE2 Agile Expert zeigt jedoch: Tiefes methodisches Wissen und technologisches Verständnis sind unabhängig vom Geschlecht. Kompetenz ist geschlechtsneutral.

Radosveta Delcheva, freiberufliche IT-Beraterin und Agile Coach

Fazit

Frauen sind nach wie vor in der Freelancer-Welt wie auch in der Tech-Branche unterrepräsentiert, womit es an starken, mutigen Vorbildern mangelt.

Erfreulicherweise verblasst das veraltete Rollenverständnis von Mann und Frau von Generation zu Generation, was unter anderem zum steigenden Interesse von jungen Frauen an MINT-Berufen führt, und außerdem zur Folge hat, dass immer mehr Frauen in der IT beschäftigt sind.

Zudem wurden in den letzten Jahren Förderprogramme wie Existenzgründerinnen“ und Messen wie die „herCAREER“ speziell für die Unterstützung von selbstständigen Frauen ins Leben gerufen. Solche Maßnahme verstärken die Hoffnung auf eine ausgeglichene und selbstbewusste Freelancer-Zukunft!

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