Freelancer im Interview: Prof. Dr. Holger Zinn

09.10.2018

Als ehemaliger Angestellter einer Unternehmensberatung beruht die heutige Selbständigkeit des freelancermap-Mitglieds Prof. Dr. Holger Zinn auf diversen Säulen. Welche das sind, was ihm dabei besonders wichtig ist und war und welche Vorteile der Einzug der IT in das heutige Marketing mit sich bringt, beschreibt der Marketing- und Unternehmensberater in unserem Interview.





Kleine Aufwärmrunde - Stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor:
Mein Name ist Holger Zinn, ich wohne seit nunmehr fast 18 Jahren in Wiesbaden, also mitten im Rhein-Main-Gebiet. Von dort aus arbeite ich auch. Mein Fachgebiet hat auf den ersten Blick nichts mit IT zu tun, denn ich beschäftige mich seit nunmehr fast 22 Jahren mit Marketing-Themen. Seit einigen Jahren ist, bedingt durch meine Lehrtätigkeit, das Thema E-Learning ein weiterer Themenschwerpunkt meiner Arbeit. Ab und an mache ich auch Projekte zu Themen rund um Unternehmens-, Branchen und Verbandsgeschichte. Da ich Geschichte als zweiten Studiengang studiert habe, verbinde ich also Geschichte und Marketing. Neben diesen Tätigkeiten bin ich noch als Hochschullehrer an der DIPLOMA Hochschule in Bad Sooden-Allendorf und als Sachverständiger für Marketing Fragen für Gerichte, Unternehmen und Privatleute tätig.
 
Was sind die Probleme und Aufgaben, bei denen Sie Ihren Kunden helfen? 
Mein Tätigkeitsspektrum reicht von Projekten zur strategischen, d.h. marktorientierten Positionierung von Unternehmen, über Projekte zu den Themen Preise und Sortiments- oder Produktportfolio-Entwicklung bis hin zu Themen der Kommunikation. In diesem Zusammenhang sind auch immer wieder kleine und größere Projekte zum Thema Marktforschung oder Marktanalyse notwendig. Typische Projekte aus dem letzten Jahr sind der Aufbau eines Preissystems für ein E-Learning-Portal, die Analyse und Neustrukturierung des Weiterbildung-Portfolios eines Industrieunternehmens und der Aufbau sowie die Umsetzung einer Kommunikationsstrategie für ein Internet-Portal. Auf dem Gebiet der Geschichte war mein letztes Projekt eine Geschichte des Fernunterrichts, deren aktuelles Ende das e-Learning ist. Was mich dabei besonders macht, ist meine systematische und analytische Herangehensweise, gepaart mit dem notwendigen Pragmatismus und mein Blick über den Tellerrand der einzelnen Fragestellung hinaus, sodass die Projektergebnisse in den Gesamtkontext der Unternehmensentwicklung eingebunden werden können. Das meinen zumindest meine Kunden. Was sie zudem schätzen ist eine solide theoretische und empirische Fundierung aller Projektergebnisse und Handlungsempfehlungen, ohne jedoch zu akademisch zu werden. 

Reden wir über den Start Ihrer Karriere: Was hat für Sie den Ausschlag für das freiberufliche Leben gegeben?
Anfang der Freiberufler-Karriere stand das Ende der Angestelltentätigkeit. Nach einigen Jahren in einer mittelständischen Unternehmensberatung, wo ich das Handwerkszeug der Beratung von der Pike auf lernen konnte, ging es dann in die Selbständigkeit, die bis heute auf mehreren Säulen beruht. Zum einen ist hier die Beratungstätigkeit zu nennen, zum anderen die Lehrtätigkeit. Auf diese Weise ist es mir relativ leicht gefallen, von Anfang an eine gute Auslastung zu erzielen. Auch heute noch, wenn konjunkturelle Schwankungen auftreten, hilft dieses Geschaftsmodell, ein vernünftiges Einkommen dauerhaft sicherzustellen.
 
Erhalten Sie Projektanfragen dabei eher von bestehenden Kunden oder suchen Sie aktiv nach spannenden Aufgaben, die Sie besonderes reizen?
Die Antwort auf diese Frage ist ein entschiedenes jein. Auf der einen Seite suche ich selbstverständlich immer selbst nach spannenden Projekten, hierzu nutze ich zum Beispiel freelancermap. Auf der anderen Seite hat sich über die Jahre ein Netzwerk aus den verschiedensten Kontakten entwickelt, aus dem regelmäßig Projektanfragen kommen, teils aufgrund bisheriger Zusammenarbeit, teils aber auch aufgrund von Empfehlung. Hier ist zwar ein bisschen verkäuferisches Talent gefragt, aber der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall. Zudem hilft die Tätigkeit als Sachverständiger und Dozent, Kontakte zu knüpfen, die in gewisser Regelmäßigkeit auch zu Projekten führen. Insgesamt kommen rund 2/3 aller Projekte aus dem eigenen Netzwerk, das heißt von ehemaligen oder aktuellen Kunden, von Kontakten mit ehemaligen Kollegen und sonstigen Partnern, rund 1/3 der Projekte kommt über Projektvermittler und Projektbörsen.

Natürlich sind wir jetzt gespannt – konnten Sie bei der Projektsuche gute Erfahrungen mit freelancermap machen?
Bisher kann ich mich nicht wirklich über die Seite beschweren, als Nicht-IT-ler würde ich sagen, die Seite macht das was sie soll. Vielleicht kann man die eine oder andere Sache besser machen, ich persönlich wüsste jedoch nicht, wo ich ansetzen soll, um eine konkrete Kritik zu äußern. Insgesamt konnte ich schon den ein oder anderen spannenden Kontakt herstellen. Selbstverständlich kann man nicht davon ausgehen, dass täglich Anfragen kommen, doch die Qualität der Anfragen, die reinkommen, hat ein sehr hohes Niveau. Da ist auch nicht schlimm, wenn nicht sofort ein Projekt ansteht oder ein Auftrag winkt.

Was machen Sie, wenn Sie nicht in Ihr Spezialgebiet vertieft sind? Welche Themen innerhalb, aber auch außerhalb der IT-Branche interessieren Sie?
Ich denke, bei mir ist es so wie bei vielen Freiberuflern. Da man schon beruflich das macht, was einem Spaß macht, ist das Thema Hobbys nicht so wichtig. Aber natürlich habe ich auch Interessen außerhalb des beruflichen Alltags. Da gibt es einen Mercedes W 107, der leider viel zu wenig gefahren wird, dann sind da die Antik- und Trödelmärkte, die mich immer wieder begeistern und nicht zuletzt freue ich mich über jede Minute mit der Familie und dem Nachwuchs.

Nun vom Besonderen zum Allgemeinen: Die IT-Branche wächst und wächst – worin sehen Sie die Herausforderungen der nächsten Jahre und vermissen Sie manchmal auch “the good old days”?
Über die IT-Branche kann ich leider nicht so viel sagen, doch auch im Marketing sind massive Veränderungen in den letzten Jahren eingetreten. Als ich angefangen habe, war vieles noch Hand gemacht und oft nicht empirisch begründet. Letztlich konnte man sich an der einen oder anderen Stelle mit dem Satz herausreden, dass der Ansatz gut durchdacht und die Umsetzung systematisch und richtig war. Wenn das erwünschte Ziel nicht erreicht wurde, konnte man wenigstens noch sagen, dass die Bekanntheit gesteigert werden konnte. Heute sieht das zum Glück ganz anders aus. Durch den Einzug der IT ist Marketing heute viel besser planbar, genauer steuerbar und entsprechend besser kontrollierbar. Das heißt die Ansätze für eine Marketingaktion sind heute leichter und besser empirisch begründbar, die Durchführung ist, man denke nur an Rückläufer bei Mailingaktionen, Sekunden genau überwachbar und die Ergebnisse sind auf den Punkt genau überprüfbar. Die gute alte hemdsärmelige Marketing-Welt ist also Schnee von gestern, denn die technischen Möglichkeiten bieten faszinierende Chancen ein präziseres Marketing zu machen. Das ist auch gut so und wird sicherlich auch in Zukunft so bleiben. Was aber leider etwas auf der Strecke geblieben ist, das sind der Mut und die Kreativität, einmal etwas Ungewöhnliches oder Spektakuläres zu versuchen. Etwas mehr Mut, einfach einmal etwas zu probieren, wie in den „guten alten Tagen“, würde den Marketingaktivitäten heute sicherlich gut tun. Kombiniert man das noch mit den technischen Möglichkeiten, könnten tolle und erfolgreiche Marketingaktionen herauskommen.

Gibt es noch eine interessante Geschichte oder eine Anekdote aus Ihrer freiberuflichen Tätigkeit, die Sie gerne mit uns teilen würden?
Oh, da gibt es so viele die sich in 20 Jahren freiberuflicher Tätigkeit angesammelt haben, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Und um ehrlich zu sein, es sind so viele kleine Geschichten, so viele persönliche Freundschaften und so viele Erinnerungen, die da in zwei Jahrzehnten zusammengekommen sind, dass es schwer fällt, Highlights herauszusuchen, zumal viele Begebenheiten nur aus der Situation heraus lustig oder kurios sind. Was für mich besonders wichtig war und ist, das sind die Menschen, die man im Rahmen von Projekten kennen lernt. Dabei reicht die Spanne vom Glücksritter mit der genialen Idee über den hochintelligenten Manager, bei dem jeder Satz durchdacht ist und Hand und Fuß hat, über den Sachbearbeiter, der voller Begeisterung ganz tief in seinem Thema steckt und gleichzeitig ein sympathischer und in vielen sozialen Dingen engagierter Mensch ist mit dem man gern ein Bier trinkt, bis hin zum Astronauten, der schon auf dem Mond war und den man auf einer Veranstaltung während eines Projektes persönlich kennenlernen darf. So sind alle Menschen, die man im Arbeitsalltag trifft auf ihre Art faszinierend und genau das macht das Arbeitsleben so spannend und abwechslungsreich. Was für junge Freiberufler wichtig ist? Urlaub planen und wirklich auch machen! Ich selbst habe am Anfang immer wieder den Fehler gemacht, Urlaub zwar zu planen, aber dann nicht zu machen. Letztlich braucht es aber die freien Tage, um wieder mit vollem Elan in neue Projekte starten zu können.

Vielen Dank für das Interview!

freelancermap-Profil von Prof. Dr. Holger Zinn
 
Webseite von Prof. Dr. Holger Zinn





 

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